Nachtwächtertouren zählen in Münster zu den beliebtesten Versionen historischer Stadtführungen. Was heute ein Schauspiel ist, war früher ein ungewöhnlicher Beruf. Denn noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts gehörten Nachtwächter in Münster zu den wenigen Personen, die noch nach Einbruch der Dunkelheit auf den Straßen zu finden waren. Und zu ganz später Stunde waren sie die einzigen. Die Nacht war in den alten Städten eine Zeit der obrigkeitlich vorgeschriebenen Ruhe. Wirtshäuser mussten schließen. Selbst in den Häusern mussten Kerzen und Herdfeuer vor Mitternacht gelöscht werden – eben das kontrollierte der Nachtwächter unter anderem.

Abgesehen von seiner Handlampe war es in der Stadt stockfinster – wenn nicht gerade Vollmond war.

Es war daher eine kleine Revolution, als 1782 in Münster über eine öffentliche Straßenbeleuchtung diskutiert wurde und den Worten dann auch schon recht bald Taten folgten. Wenn im Westfalen des Ancien Régime sonst auch vielfach der Schlendrian regiert – bei den Laternen bewiesen die beteiligten Akteure bemerkenswerte Macher-Qualitäten.

Beleuchtete Straßen sorgen dafür, dass die Nacht nicht länger unheimlich war und nur ruhend oder schlafend verbracht werden konnte. Die ersten Münsteraner Straßenlaternen machten bestimmt noch nicht die Nacht zum Tag, dafür waren sie zu schwach und auch zu wenig. Aber sie reagierten auf das wachsende Bedürfnis der Münsteraner, ihr Leben nicht nur im Wechsel von Arbeit, Essen, Beten und Schlafen zu verbringen, sondern auch Freizeit zu genießen, etwa bei einem abendlichen Spaziergang. 

Freizeit war um 1800 noch eine recht junge ‚Erfindung‘, die aber gerade auch durch Straßenbeleuchtung immer erfolgreicher wurde. Einmal erfunden, erlebten sowohl die Freizeit als auch die Straßenbeleuchtung Erfolgsgeschichten, die sich wechselseitig begünstigten. Wer einmal in beleuchteten Städte gelebt hatte, wollte nicht wieder im Dunkeln sein. Das galt auch für Münster, wo auf die ersten Öllampen recht bald schon eine Gasbeleuchtung und später elektrisches Licht folgten.

Studierende der Neueren Geschichte an der WWU Münster haben die Einführung der Straßenbeleuchtung in Münster auf der Grundlage von Akten aus dem Stadtarchiv rekonstruiert und als ein historify präsentiert. Ein historify ist eine multimediale Online-Geschichte. Es erzählt Geschichte nicht für die Fachwissenschaft, sondern für die Öffentlichkeit. Und daher haben wir auch erst einmal in Münster nachgefragt, ob etwas über dieses Kapitel der Stadtgeschichte bekannt ist und was heute mit ‚Straßenbeleuchtung‘ verbunden wird. 

"Zur Zierde und Sicherheit der Nächte": Wie Münster seine Laternen bekam

In London und Paris brannten schon im 17. Jahrhundert Laternen. Hamburg folgte als erste deutsche Stadt 1673. Um 1700 leuchtete es in Berlin, Wien, Hannover, Leipzig und Dresden. Um 1750 gab es auch in München, Stuttgart oder Frankfurt am Main Laternen.

Münster gehörte zur dritten Generation beleuchteter Städte, mit Jena, Dessau, Oldenburg und vielen anderen mittelgroßen Städten. Dass es in der ‚Metropole Westfalens‘ dann doch eher länger gedauert hatte, lag vor allem daran, dass sich bis dahin niemand so richtig dafür zuständig fühlte – oder fühlen konnte: weder der Landesherr noch die adligen Landstände mit dem Domkapitel und auch nicht der Stadtrat. Und selbst wenn sie gewollt hätten: Bürgermeister und Rat gerieten bei einem flächendeckenden Unternehmen wie der Straßenbeleuchtung schnell an ihren Grenzen, weil das alte Münster durchzogen war von Räumen, die den unterschiedlichen kirchlichen Korporationen unterstanden. Laternen etwa auf dem Domplatz: Daran war nur zu denken, wenn auch das Domkapitel mitspielte.

Der Landesherr war wiederum nicht nur Fürstbischof von Münster, sondern zugleich auch Kurfürst von Köln. Kurfürst Clemens August (1719-1761) kam zwar gerne zur Jagd nach Westfalen, hielt sich aber sonst lieber in seinen prachtvollen Schlössern in Brühl und Bonn auf. Sein Nachfolger, Kurfürst Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels, ließ zwar das lange geplante Barockschloss bauen, war aber im übrigen ein eher sparsamer Herr, der die Aufklärung als ein geistiges und nicht so sehr als ein bauliches Projekt betrachtete.

Dennoch säumten die ersten Laternen in Münster um 1780 die Auffahrt zum neu erbauten Schloss.

Die ersten Laternen in Münster befanden sich an der Zufahrt zum Schloss. Guckkastenbild der Hauptachse des fürstbischöflichen Schlosses, um 1780, Balthasar Friedrich Leizel nach François Rousseau (wikimedia commons).

Wir wissen nicht, ob die Beleuchtung am Schloss als Vorbild gewirkt hatte. Wir wissen aber, dass Münsteraner Bürger in anderen Städten die Vorteile und Annehmlichkeiten von Straßenlaternen erlebt hatten und diese nun auch in ihrer eigenen Stadt genießen wollten. Dabei warteten die Münsteraner Licht-Pioniere nicht auf die Obrigkeit, sondern wurden einfach selbst aktiv. Vermutlich 1781 stellten Bürger auf eigene Kosten mehrere Laternen im Zentrum der Stadt auf. 

Damit beeindruckten sie auch den Adel des Hochstifts Münster, der 1782 auf einem Landtag über die „Stadt=Beleuchtung“ verhandelte und die bürgerliche Initiative wohlwollend zur Kenntnis nahm.

Selbst wenn der Stiftsadel den Städtern die zündende Idee großzügig gönnte, so wollte er doch bei der weiteren ‚Erleuchtung‘ Münsters die Regie übernehmen. Nicht ohne Grund ging der Adel davon aus, dass diese technische Innovation einen Prestigegewinn abwarf, und den wollte man nicht verstreichen lassen.

Allerdings war die Einbindung des Adels auch deshalb nötig, weil eine dauerhafte Straßenbeleuchtung Geld kostet und die Landstände bei der Bewilligung von finanziellen Mitteln ein wichtiges Wort mitzureden hatte. 

Zugleich profitierte der Adel aber auch selbst von den Laternen, residierten doch die adligen Familien des Fürstbistums Münster, die etwas auf sich hielten, mit einem ansehnlichen Hof innerhalb der Stadt. Kunstvolle Beleuchtungen dieser Stadtpalais, sogenannte Illuminationen, waren ohnehin sehr beliebt, und wenn nun auch die Stadt selbst illuminiert wurde, war das dem Adel mehr als recht.

Viel zu diskutieren hatten die Landstände 1782 daher nicht. Man war sich darin einig, dass die

nächtliche Beleuchtung der Stadtgassen […] nicht allein zur Bequemlichkeit eines jeden Einwöhners, sondern auch zur Zierde und Sicherheit der Städten selbst [gereicht].

‚Zierde‘ und ‚Sicherheit‘ waren also die Argumente, die gegen mögliche Kritiker ins Feld geführt wurden. Denn wer wollte schon etwas dagegen sagen, dass die Straßen sicherer wurden und die Stadt obendrein ansehnlicher in Erscheinung trat. ‚Messen‘ ließ sich der Zugewinn an Sicherheit allerdings nicht. Die – in Münster ohnehin überschaubare – Kriminalität ging dadurch nicht merklich zurück. Damals wie heute ging es vor allem um ein subjektives Sicherheitsgefühl, das mit erleuchteten Straßen einherging.

Blieb noch die Frage der Finanzierung. Hier nahmen die Landstände eine durchaus fortschrittliche Position ein, indem sie die zu erwartenden Kosten gerade nicht einfach nach unten weiterreichten. Vielmehr hielt man es für wichtig, dass die Lichter

dem geringsten Einwohner am wenigsten beschwerlich fallen

und der Landadel selbst am höchsten belastet werden sollte. Am besten hielt man die Idee, die Kosten so weit wie möglich zu externalisieren und sie denjenigen aufzubürden, die von außen in die Stadt kamen. Diese ‚Pendler‘, darunter vor allem auch Händlerinnen und Händler aus dem Umland, mussten dann sogenannte Sperr- und Torgelder bezahlen. 

In einer Zeit, in der man über die Niederlegung der Stadtmauern nachdachte, war diese Abgabe eigentlich anachronistisch. Aber der Zweck heiligte hier die Mittel. Die um 1800 noch existierenden Tore, etwa das Servatii- oder das Ludgeritor, dienten nicht mehr zur Sicherung der Stadt, sondern nur noch zum Abschöpfen derartiger Abgaben.

Um aber diese Gelder anzuzapfen, galt es den Landesherrn, Kurfürst Maximilan Friedrich, für das Projekt gewinnen, der darüber zu bestimmen hatte. Das gelang allerdings reibungslos. Mehr noch: Der Kurfürst erließ eigens eine Ordnung, die das frühe Schließen der Tore und ein aufwändiges Vorgehen beim nachträglichen Aufschließen derselben anordnete. 

Ein Teil der nötigen Gelder wurde allerdings von den Einwohnern der Stadt Münster selbst aufgebracht, und zwar durch die neu eingeführte Schornsteinsteuer.

Schornsteine gab es, wie diese Ansicht des Platzes vor der Überwasserkirche zeigt, in Münster genug. Für jeden davon wurde nun eine Abgabe fällig. Da die Häuser je nach Größe über mehrere Rauchabzüge verfügte, schonte diese Abgabe allerdings die Bewohner kleinerer Häuser. 

Die Höhe der Abgabe richtete sich zudem nach dem jeweiligen sozialen Status: So wurden Adlige mit 18 Schilling pro Schornstein taxiert während Geistliche, Offiziere oder Klöster und Universitätsgebäude 14 Schilling pro Rauchabzug bezahlten. Die ärmsten Bewohner der Stadt zahlten lediglich einen Schilling pro Schornstein.

Somit trugen alle Bewohner der Stadt Münster zwar in sehr differenzierter Weise die Kosten zur nächtlichen Beleuchtung. Allerdings gibt der Historiker Marcus Weidner auch zu bedenken, dass sich „die Maßnahme für den Adel durchaus rechnen mochte, bilanziert man die Kosten für die standesgemäße Beleuchtung der Kutschen bzw. die eigenen Ausgaben für die Lakaien, die mit Laternen versehen der Herrschaft voranschritten, und die Zahlungen in die Beleuchtungskasse“ (341). Dennoch wurde die Beleuchtung nicht nur als weiteres adliges Prestigeobjekt betrachtet.

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Bis zum Ende des Jahrens 1783 wurden 527 Laternen aufgestellt, von 900, die insgesamt geplant waren.

Wo diese Laternen leuchteten, haben wir auf der interaktiven Karte eingezeichnet. Bitte mit der Maus oder auf dem Tablet bzw. Smartphone mit gedrücktem Finger über die Karte fahren.

Orange Punkte stehen für Laternen, die bis zum 14. Dezember 1782, rote Punkte für Laternen, die bis zum 11. November 1783 aufgestellt wurden.

Welche Straßen und Gassen Münsters durch die 527 Laternen in der Nacht nicht mehr länger stockfinster waren, zeigt die nächste Visualisierung. Von einer ‚Lichtverschmutzung‘, über die heute in Städte bisweilen geklagt wird, kann jedenfalls noch keine Rede sein… . Bitte klicken!

Münster leuchtet!

Zunächst wurden die wichtigsten Straßenzüge mit Laternen ausgestattet, wie der Prinzipalmarkt oder die Straßen zu den Stadttoren. Die frühen Öllampen leuchteten allerdings nur sehr schwach. Darüber hinaus blieben viele Straßen und Gassen der Stadt weiterhin im Dunkeln.

Die Verteilung der Laternen – wie in den obigen Visualisierungen dargestellt – geht aus einem Verzeichnis zur Aufstellung der Laternen hervor. Ein Ausschnitt des Verzeichnis mit den ersten neun Aufstellungsorten folgt direkt unter diesem Absatz. Hier wird auch offensichtlich, warum die Rekonstruktion dieser Orte mit Schwierigkeiten verbunden sind. So dienten nicht nur Bauwerke und Straßennamen als Orientierung, sondern in vielen Fällen auch Wohnorte bestimmter Personen, die heute nicht immer bestimmt werden können. Davon abgesehen änderte sich in einigen Fällen die Straßenführung und auch Straßennamen wurden verändert.    

ad p[artem] vom 14 dec[embris] 1782

Verzeichniß/ Wie viel Laternen zur Beleüchtung hiesiger Stadt Münster Erforderlich seyn wollen

  1. Von der Hochfürstlichen Residenz über die Frauen=Straße bis an Überwassers Kirchhof (wirklich gesetzte 14 / noch zu setzende 3)
  2. Von der Küsterey rund um der Universitat bis gegen der Nordkirchschen Mühle aufm Eck von der Mauer (15/2)
  3. Auf der Passage auf Überwassers Kirchhof nachm Domhof und Spickerhof (–/7)
  4. Von der Nordkirchschen Mühle bis am Roggenmarkt (–/17)
  5. Aufm Roggenmarkt bis oberhalb der Pompe vor des Kramers Esch Behaußung (11/ –)
  6. Am Drübbelken nach der Seite von Lamberti Kirch (–/1)
  7. An Lamberti Kirchhofs Mauer wären noch zu setzen (–/3)
  8. Aufm Prinzipal Marckt von der Krameren Esch Behausung bis an der Brücke an Bolten Apoteque mit Einschluß der Laterne nach Domhof an Osthus Hauß (27/–)
  9. Die kleinen Straßen rechts und links neben der Haubtwache item nachm Stadts Richter und Stadts Secretaire (5/2)
Latus I: 73/ 35
527
Laternen waren es bereits 1787.

Wirklich eine Zierde? Wie die Laternen wahrgenommen wurden

Was die Menschen in Münster von den Laternen hielten, entzieht sich unserer Kenntnis. Äußerungen darüber fehlen. Allenfalls der rasche Ausbau des Laternennetzes lässt darauf schließen, dass die Beleuchtung der Stadt positiv aufgenommen wurde. Immerhin stammte die Idee ja auch aus der Bürgerschaft selbst und stellte daher keine Maßnahme ‚oben da‘, die man argwöhnisch betrachtete. Zumindest für eine Reihe von städtischen Räumen hieß es 1782 (und in den folgenden Jahren) fiat lux, es werde Licht! 

Dass dieses Licht der Stadt zur Zierde gereichte, wie es in den programmatischen Überlegungen des Stiftsadels geheißen hatte, kann man durchaus annehmen. Aber die Laternen selbst wurden offenbar nicht als besonders schön oder abbildungswürdig erachtet. Die später installierten Gaslaternen findet man auf vielen bildlichen Darstellungen Münsters aus dem 19. Jahrhundert. Sie waren ein Zeichen städtischer Modernisierung. Die Laternen der ersten Generation lassen sich dagegen nur vereinzelt in den zahlreichen Stadtansichten aus der Jahrhundertwende ausmachen. Im übrigen mochte die Beleuchtung zwar eine Zierde sein. Allerdings wurde der Eindruck getrübt, wenn die Straßen selbst verschmutzt waren, wie es in den alten Städten häufig der Fall war. Insofern war es kein Zufall, dass bald nach der Beleuchtung auch über eine Straßenreinigung diskutiert wurde, die allerdings von den Bürgern selbst durchzuführen war. Ihren Kehrpflichten kamen die meisten Münsteraner allerdings nur unter Androhung von Bußen nach.

 

"Oel, Docht, und zum Anstecken erforderliche Talglichter": Wie und von wem Münster zum Leuchten gebracht wurde

Die 1782 eingerichtete Beleuchtungskommission beriet, plante, entschied und prüfte Bilanzen. Aber sie machte nicht selbst die Lichter an. Sie ernannte 1783 vielmehr einen Beleuchtungsbeauftragten, einen sogenannten Emonitor, der Zugriff auf den Fonds hatte, in den die Schornsteinsteuer sowie die Tor- und Sperrgelder flossen.

Nachdem das Beleuchtungswesen 1803 vollständig in den Zuständigkeitsbereich der Stadt gefallen war, verlor der gemeinsame Fonds von Landesherr, Adel, Kapitel und Stadt seinen Sinn. Ab jetzt flossen die Gelder aus der städtischen Beleuchtungskasse. Die Einnahmen aber stammten weiterhin aus den gleichen Quellen: 705 Reichstaler brachte die Schornsteinsteuer auf, 266 Taler stammten aus den Sperrgeldern. Immerhin 1.269 Taler aber hatte das Kassieren von ‚Wagenzeichen‘ und ‚Büchsengeldern‘ in die Kassen gespült. Es handelte sich dabei um eine Art früher ‚Citymaut‘, die an den Münsteraner Toren auf alle Fuhrwerke und Karren erhoben wurde. Mit weiteren kleineren Einnahmen gab es ein Haben von 2.280 Talern, dem aber ein Soll an Ausgaben von 2.521 Talern gegenüberstand. Am meisten zu Buche schlugen Kosten für Öl und Dochte (2.108 Taler), mit großem Abstand folgten Anschaffungskosten in Höhe von 134 Talern, Kosten für die Beleuchtung auf dem Domhof (153 Taler) sowie Verwaltungskosten von 123 Talern. Das Kassieren von Maut und Steuern kostet bekanntlich ebenfalls Geld.

Etât der Einnahme und Ausgabe von der Beleuchtungskasse der Stadt Münster pro 1803/04

 

 

Unter dem Posten 

Oel, Docht, und zum Anstecken erforderliche Talglichter

verbargen sich allerdings auch die Lohnkosten für die „Laternen=Pützer“, die das Anstecken am Ende übernahmen. Die Laternenputzer wurden so auf das Stadtgebiet verteilt, dass die Beleuchtung möglichst gleichmäßig einsetzte. Im Oktober gingen die Lichter um sechs Uhr abends an, in November und Dezember und halb sechs, im Januar um fünf und im Februar und März wieder um sechs bzw. halb sieben Uhr. Die Laternen wurden nicht gelöscht, sondern brannten aus. Daher musste das Öl von den Putzern sorgfältig dosiert in die Lampen nachgefüllt werden, was sie am Nachmittag ebenso zu erledigen hatten wie den Austausch der Dochte oder kleinere Reparaturen.

Die Laternen sollten nicht die ganze Nacht, aber doch zumindest bis um ein Uhr brennen, wobei man bei dieser späten Stunde nicht an Zecher auf den Nachhauseweg dachte, sondern an eine Stärkung des Sicherheitsgefühls.

<- Satirische Darstellung eines Laternenputzers im Berlin des frühen 19. Jahrhunderts. Er hält bei Sonnenschein mit dem Fernrohr Ausschau nach dem Vollmond. Die Karikatur vermittelt zumindest einen Eindruck von der täglichen Arbeit an der Laterne – und von deren Aussehen. Die Tranlampe verfügte über einen kleinen Tank sowie einen Drehmechanismus zur Regelung der Brennintensität. Durch die Glaseinfassung war sie vor Wind und Wetter geschützt.

Die Karikatur ist insofern auch aufschlussreich, als bei Vollmond und geringer Bewölkung tatsächlich nicht geleuchtet wurde. Gespart wurde, wo es nur ging. Von Mitte April bis Mitte September blieben die Laternen ganz aus. Die Laternen wurden somit nur an 119 Tagen im Jahr angezündet.

Das Nachsehen hatten dabei aber die Putzer, die nur während der Beleuchtungssaison im Herbst und Winter angestellt waren – prekäre Beschäftigungsverhältnisse gab es auch schon um 1800!

<- Die Tabelle zeigt die Beleuchtungszeiten für die Saison vom 15. September 1834 bis zum 15. April 1835.

Zwiespältig fiel auch die Bilanz des Kaufmanns Johann Wilhelm Winkelsett aus. Dieser hatte 1783 mit dem Emonitor einen Vierjahresvertrag geschlossen, der ihn sowohl zur Lieferung des Brenn- und Anzündematerials verpflichtete als auch zur Entlohnung der Putzer. Für den Betrieb von 715 (existierenden und geplanten) Laternen wurde im Vertrag ein Betrag von 2.500 Reichstalern veranschlagt. Der geringste Posten waren dabei die Personalkosten mit lediglich 116 Reichstalern. Der Vertrag wurde 1787 erneuert.

Was zunächst wie ein gutes Geschäft aussah, brachte den Kaufmann nach 1790 allerdings in Schwierigkeiten. Denn der Ölpreis stieg plötzlich rasant an. Aus Winkelsetts Briefen an den Rat – er wollte den Vertrag nachbessern und eine längere Laufzeit abschließen – erfahren wir auch, um welche Sorten Öl es sich handelte: Zum einen wurde Rapsöl verbrannt, zum anderen aber auch Tran, der aus Walen gewonnen wurde. Für beides gab es immer wieder Lieferengpässe aus den Häfen der Niederlande. Zwar war die Ölkrise nur von kurzer Dauer. Dennoch wurde den Verantwortlichen in der Beleuchtungskommission klar, dass die ‚Tranfunzeln‘ keine dauerhafte Lösung waren. Zudem waren sie sehr wartungsaufwändig.

Ausgetauscht oder repariert werden mussten Lampen nicht nur wegen Verschleiß, sondern auch aufgrund von Vandalismus. Mutwillige Beschädigungen von Laternen kamen nicht nur in Münster vor. In Paris gab es zur Revolutions-Zeiten ein großes Interesse des Nachts wieder in völliger Dunkelheit zu sein. Mit der Laternenzerstörung sollte zudem ein Zeichen gegen die herrschende Ordnung gesetzt werden.

Ob das in Münster auch der Fall war, ist eher unwahrscheinlich. Von einer revolutionären oder auch nur anti-obrigkeitlichen Stimmung wurde die Westfalenmetropole ja eher nicht ergriffen. Trotzdem kamen Beschädigungen auch hier vor, so dass Kurfürst Max Friedrich bereits im November 1783 ein Mandat erließ, dass dieses „Unwesen“ unter Strafe stellte und befahl, dass

„diejenige Manns- oder Weibsperson, [die] ein oder andere Laterne muthwillig und boshafter Weise zerschlagen […] sind für jede Laterne fünfzig Reichstaler Strafe schuldig; obsonst in Ohnvermögens= oder Miszahlungs=Fall auf ein halbes Jahr Zuchthaus belegt werden solle.

Wenn Kinder Laternen zerstörten, hafteten ihre Eltern und mussten nicht nur die Laternen reparieren, sondern auch ein Bußgeld zahlen. Warum die Münsteraner Laternen zerschlugen, ist nicht bekannt. Vielleicht war es wirklich nur Übermut nach einer durchzechten Nacht oder eben ein Dummejungenstreich.

In der Geschichte der Straßenbeleuchtung waren Öllampen ein Provisorium, die abgelöst wurde, als Alternativen zur Verfügung standen. Der Betrieb der Öllampen war teuer, personalintensiv, hing ab von Ressourcen, die von fern bezogen werden mussten und obendrein wurden die Laternen auch immer wieder zerstört.

Kurz nach 1800 gelang es erstmals, aus Kohle Gas zu gewinnen. 1812 wurden in London die ersten öffentlichen Gaslaternen entzündet, 30 Jahre später wurden dafür auch in Münster die Weichen gestellt, vor allem mit dem Bau der neuen Gasanstalt an der heutigen Hafenstraße. Als die Gaslampen nach der Jahrhundertmitte dann in Gebrauch kamen, genügte ein Mann, um diese zum Leuchten zu bringen.

Allerdings gab es auch Beschwerden über ungleichmäßiges Leuchten und Flackern. ‚Lichtverschmutzung‘ wurde nun insofern zum Thema, als Kritiker meinten, die im Vergleich zu den ‚Tranfunzeln‘ deutlich hellere Gasbeleuchtung „sei gegen die göttliche Ordnung, machte Pferde scheu und Diebe kühn“. 

Ob letztere wirklich lieber bei guten Lichtverhältnissen ihrem Treiben nachgingen, sei dahingestellt. Auf jeden Fall waren Gaslaternen nicht mehr so anfällig für Sachbeschädigung, weil die Lampen viel höher angebracht werden konnten. Und dadurch, dass das Brennmittel vor Ort erzeugt und gelagert werden konnte, herrschte eine ganz andere Versorgungssicherheit als um die Jahrhundertwende. Billiger wurde es aber nicht. 1840 kostete die Beleuchtung mit 6.450 Mark (ca. 2.150 Talern) nicht mehr als um 1800. Mit dem Gas aber schlugen die Kosten 1860 mit 14.250 Mark und 1908 sogar mit 67.200 Mark zu Buche. Zu dieser Zeit wurde damit allerdings auch ein erweitertes Stadtgebiet flächendeckend ausgeleuchtet.

Doch auch Leuchtgas blieb eine ‚Brückentechnologie‘. Seit 1928 gab es in Münster eine elektrische Straßenbeleuchtung. Das war aber noch nicht das Ende der Gaslampen, die erst in der Mitte der 1960er Jahre aus dem Betrieb genommen wurden, bis auf 22 Laternen, die heute im ‚Kuhviertel‘ für historisches Flair sorgen. Von den alten Öllampen, die am Beginn der Münsteraner Beleuchtungsgeschichte standen, ist hingegen nichts mehr zu sehen.

Quellen und Literatur

Stadtarchiv Münster:

  • Stadtregistratur Fach 69
    • 1, Bl. 31, 43, 46, 48, 52, 93
    • 4, Bl. 7-9, 44-48, 60-62, 71-72, 143-145
    • 7, Bl. 2-9
  • Stadtregistratur Fach 70
    • 1, Bl. 2-3, 15-16, 25-28
    • 4, Bl. 6, 10, 16
    • 5, Bl. 10, 14, 20
  • Stadtregistratur Fach 71
    • Nr. 4, Bl. 7b
    • Nr. 4, Bl. 10

gedruckte Quellen:

  • Müller, P. G.: Die Entwicklung der künstlichen Straßenbeleuchtung in den sächsischen Städten, in: Neues Archiv für Sächsische Geschichte und Altertumskunde 30 (1909), S. 144-151.
  • Reiffenstein, C. Th.: Zur Geschichte der Straßenbeleuchtung in Frankfurt. Von ihrem Uranfang bis zur einführung der Gasbeleuchtung, in: Archiv für Frankfurts Geschichte und Kunst 6 (1854), S. 202-206.
  • E. v. Manger, Grundriss der Provinzial-Hauptstadt Münster; nebst deren Umgebung. Gezeichnet nach dem Originale im Jahre 1839 durch v. Manger. Gravirt und gedruckt durch die Lithographie von B. Herder. – 1:5.000. – Münster 1839. – 1 Pl. : Lithogr. ; 63 x 52 cm.

Literatur:

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  • Basner, Klaus: „Auf den Straßen ist es jetzt abends taghell …“. 150 Jahre öffentliche Gasversorgung und Stadtwerke in Unna, Unna 2010.
  • Bouman, Mark J.: Luxury and Control. The Urbanity of Street Lighting in Nineteenth-Century Cities, in: Journal of Urban History 14 (1987) H. 1, S. 7-37.
  • Eibach, Joachim: Die Straßen von Frankfurt am Main: ein gefährliches Pflaster? Sicherheit und Unsicherheit in Großstädten des 18. Jahrhunderts, in: Dinges, Martin/Sack, Fritz (Hg.): Unsichere Großstädte? Vom Mittelalter bis zur Postmoderne, Konstanz 2000, S. 157-173.
  • Hilgert, Anton: Die Finanzen der Stadt Münster i.W. von 1816-1908, Leipzig 1910.
  • Katz, Johannes: Das letzte Jahrzehnt des Fürstbistums Münster unter besonderer Berücksichtigung der Tätigkeit des Geheimen Staatsreferendars Johann Georg Druffel, Würzburg 1933.
  • Koller, Edith, “Nacht”, in: Enzyklopädie der Neuzeit Online, Im Auftrag des Kulturwissenschaftlichen Instituts (Essen) und in Verbindung mit den Fachherausgebern herausgegeben von Friedrich Jaeger, http://dx.doi.org/10.1163/2352-0248_edn_a2893000 (letzter Aufruf 06.07.2019).
  • Liman, Herber: Mehr Licht. Geschichte der Berliner Straßenbeleuchtung, Berlin 2000.
  • Prahl, Anton: Die eigenwirtschaftliche Tätigkeit der Stadt Münster i. Westf., Emsdetten 1936. 
  • Rosseaux, Ulrich: Freiräume. Unterhaltung, Vergnügen und Erholung in Dresden 1694-1830 (Norm und Struktur 27), Köln/u.a. 2007.
  • Lahrkamp, Monika: Münster in napoleonischer Zeit, Münster 1976.
  • Rosseaux, Ulrich: Sicherheit durch Licht? Zur Entwicklung von öffentlichen Straßenbeleuchtungen in frühneuzeitlichen Städten, in: Kampmann, Christoph/Niggemann, Ulrich (Hg.): Sicherheit in der Frühen Neuzeit. Norm, Praxis, Repräsentation (Frühneuzeit-Impulse 2), Köln/u.a. 2013, S. 807-812.
  • Schivelbusch, Wolfgang: Lichtblicke. Zur Geschichte der künstlichen Helligkeit im 19. Jahrhundert (Hanser Anthropologie), München/Wien 1983.
  • Schmees, Lisa: Ein leuchtendes Stück Stadtgeschichte, o.O. 2018, in: Blog der Stadtwerke Münster, https://www.stadtwerke-muenster.de/blog/energie/ein-leuchtendes-stueck-stadtgeschichte/ (letzter Aufruf 26.09.2019).
  • Stadt Münster: Straßen. Straßenbeleuchtung, https://www.stadt-muenster.de/tiefbauamt/strassen/strassenbeleuchtung.html (letzter Aufruf 26.09.2019).
  • Verg, Erik: Licht für Hamburg. 600 Jahre öffentliche Beleuchtung, 100 Jahre elektrische Straßenbeleuchtung in Hamburg, Hamburg 1982.
  • Weidner, Marcus: Landadel in Münster 1600-1760: Stadtverfassung, Standesbehauptung und Fürstenhof (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Münster NF, Bd. 18.1), 2 Bde., Münster 2000.

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Martin Heuchel
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